im Alb Bote vom 23.1.2008

Die schönste Chunscht im Dorf

Lydia Denz aus Waldkirch besitzt einen prachtvollen Kachelofen

Lydia Denz, Waldkirch, vor ihrer prachtvollen ChunschtIn diesem Jahr feiern Ortschaft und Pfarrei Waldkirch ihr 1150-jähriges Jubiläum. In einer Artikelreihe stellen wir die Historie der Ortschaft und der Pfarrei, lokale Besonderheiten und Persönlichkeiten vor. Heute geht es um die Chunscht-Frage: Wer hat die schönste "Chuuscht" im Dorf?
Eine amüsante Geschichte über ihre Chunscht weiß die Alt-Storchenwirtin Sitta Schmid zu erzählen. Einmal sei es passiert, dass sich ein Bürger aus einem benachbarten Ortsteil in der Chunscht des Gasthauses versteckte, um genau mitzukriegen, was da verhandelt wurde. Aber dann sei er im Gehäuse stecken geblieben und habe sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien können. "Man kann sich vorstellen, was das für ein Geschrei gab, als der Mann mit vereinten Kräften ans Tageslicht befördert wurde und Rede und Antwort stehen musste."
Klar, dass alle Bauernhäuser in Waldkirch mit einer schönen Chunscht ausgestattet sind. Das schönste Stück dürfte jedoch im Hause Denz stehen, ein Prachtstück aus dem Jahre 1832, das auch durch seine Dimensionen beeindruckt. Das Haus hat aber auch sonst noch viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahrt. Das Wohnzimmer hat seine alte Ausstattung behalten, zu der eine einfache Eckbank, Tisch und Stühle, der Herrgottswinkel, eine massive Sitzbank unter der Fensterreihe, ein Dielenboden und eine hölzerne Kassettendecke gehören. In den Sockel des Kruzifixes ist ein Totenschädel eingelassen. Typisch ist auch die Küche, die früher als Mehrzweckraum genutzt wurde.
Die Hausherrin, Lydia Denz (81), erzählt bereitwillig aus den alten Zeiten. Damals hatte der Ackerbau in Waldkirch einen weit größeren Stellenwert, die Feldarbeit wurde mit Hilfe von Knechten und Mägden bewältigt, als Zugtiere wurden Pferde eingesetzt. Auch Reben wurden bis in 700 Meter Höhe angebaut. Gegenüber lag die ehemalige Waldkircher Schmiede, die Anfang der 60er Jahre abgerissen wurde, um Platz für die Straße zu schaffen. Insgesamt gibt es in Waldkirch noch zwei weitere Bauernhäuser, die etwa im gleichen Stil erbaut sind.
Der Herrgottswinkel in der Wohnstube des Hauses Denz in WaldkirchDas Haus Dörflinger am oberen Ortsausgang, das seit zwei Jahren leer steht und das Haus Fetscher am unteren Ortsrand, das heute von einer zugereisten Familie bewohnt wird. Aus historischer Sicht spielte der ehemalige Redmannshof eine besondere Rolle, der von Johann Michael Jehle (gestorben 1831), dem letzten Redmann und Einungsmeister der Grafschaft Hauenstein, bewohnt wurde. Das Haus brannte 1967 ab und wurde danach durch einen Neubau ersetzt.
Von den alten Gehöften ist nur noch das Haus Denz, das die landwirtschaftliche Tradition fortsetzt. Zum Hof gehören 30 Hektar Flächen und etwa 30 Stück Vieh. Das Haus ist seit 1904 im Familienbesitz. 

Die Chunscht

Das Wort Kunst, Chuuscht oder auch Chauscht leitet sich von dem lateinischen Wort "Hypocaustum" ab. Damit war ursprünglich eine beheizte Ofenbank gemeint, wie sie bereits in der Antike, speziell aber bei den Römern, bekannt war. Dass die Römer nicht nur Meister in der Baukunst waren, sondern auch den Heizungsbau meisterlich beherrschten, wird eindrucksvoll in den römischen Anlagen in Kaiseraugst demonstriert. Die Kunst hatte oft auch die Funktion einer Zentralheizung. Von hier aus wurden vielfach auch die anliegenden Räume mitbeheizt.

VON MANFRED DINORT

Bildtext, oberes Bild
Das schönste Stück im ganzen Dorf: Lydia Denz, Waldkirch, vor ihrer prachtvollen Chunscht.

Bildtext, unteres Bild:
Der Herrgottswinkel in der Wohnstube des Hauses Denz in Waldkirch.