im Alb Bote vom 16.1.2008

Über 60 Jahre Messnerin

Charlotte Morath läutet bis Mitte der 70er Jahre noch die Glocken von Hand

 

Charlotte MorathIn diesem Jahr feiern Ortschaft und Pfarrei Waldkirch ihr 1150-jähriges Jubiläum. In einer Artikelreihe stellt diese Zeitung die Historie der Ortschaft und der Pfarrei, lokale Besonderheiten und Persönlichkeiten vor. Heute geht es um Charlotte Morath (82), die jahrzehntelang Messnerin der Pfarrgemeinde war, eine Arbeit, die früher sogar Nachtschichten vorsah.
Über 60 Jahre war Charlotte Morath Messnerin der Pfarrgemeinde. Dann, im Oktober 2000, erhielt sie Unterstützung durch ihre Nichte Inge Schmidt, die ihr nach und nach die Arbeit abnahm. Erst 16 Jahre alt, übernahm Charlotte Morath 1941 zusammen mit ihrem Bruder Josef den Posten, der in jenen Jahren mit erheblichen Belastungen verbunden war: Dreimal täglich mussten die Glocken von Hand geläutet werden, um sechs, um elf und um 19 Uhr. Ein feierliches Geläut, etwa an hohen Festtagen oder an Wochenenden, war nur mit Hilfskräften möglich. Doch wenn Not am Mann war, so erinnerte sich Charlotte Morath, kam es auch vor, dass zwei Glockenseile gleichzeitig bedient werden mussten. Viel Knochenarbeit war mit dem Beheizen der Kirche verbunden. Im Heizungskeller unter der Sakristei mussten im Herbst Unmengen an Kohle und Holz eingelagert werden, um an den Wochenenden annehmbare Temperaturen bei den Gottesdiensten zu erhalten. Dazu war es notwendig, rechtzeitig am Samstag anzufeuern und die ganze Nacht durchzuheizen. Meistens übernahm sie selber die erste Schicht, die bis zwei Uhr nachts dauerte, dann löste sie ihr Bruder ab. "Oft sahen wir danach aus wie Kaminfeger." Eine gewaltige Entlastung war es für die beiden, als Mitte der 70er Jahre, unter Pfarrer Strasser, ein automatisches Läutwerk und eine moderne Ölheizung eingebaut wurden. 1984 starb der Bruder und Charlotte Morath führte das Amt, das das ganze Jahr hindurch Präsenz erforderte, alleine weiter. "War sie sonntags einmal nicht da", so erinnerte sich der damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Klaus Nowak, "herrschte in der Sakristei das reinste Chaos". Charlotte Morath hatte alles im Griff und sie kannte sich in der Liturgie genauestens aus. Sie sorgte für einen reibungslosen Ablauf des Gottesdienstes und sie verließ erst die Kirche, wenn alles geregelt war: Sie deponierte den Inhalt der Klingelbeutel, sie verwahrte den Messwein, sie versorgte die Messgewänder, die von ihr gewaschen und gebügelt wurden, sie löschte das Licht, drehte die Heizung zurück und schloss die Türen. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde auch das Gotteshaus abgeschlossen. Nur ungern erinnerte sich die Messnerin an die vielen Einbruchsversuche in der Kirche, bevorzugtes Objekt war der Opferstock. Darüber hinaus gab es viele zusätzliche Anlässe, wie Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, die ihre Anwesenheit erforderlich machten. Vor allem die Vorweihnachtszeit hatte es in sich: Erst musste der Adventskranz gerichtet werden, dann mussten die elf Christbäume aufgestellt und mit Lametta und zahllosen Kerzen geschmückt werden. Einfallsreichtum und ein künstlerisches Talent bewies sie am Erntedankfest, wenn sie die beiden Seitenaltäre kunstvoll mit einer malerischen Fülle von Früchten dekorierte und wenn sie den Hauptaltar mit einem ihrer selbstgestalteten Körnerteppiche, die in der ganzen Nachbarschaft bekannt waren, schmückte. 

Messnerin

Charlotte Morath, von 1941 bis 2001 Messnerin in der Pfarrei Waldkirch, lebt inzwischen in einem Wohnheim in Höchenschwand. Bis vor wenigen Jahren bewohnte sie ihr Elternhaus oberhalb der Kirche, wo sie am 6. Dezember 1925 zur Welt kam. Ihre Eltern unterhielten in diesem Hause ein Lebensmittelgeschäft und später auch eine Poststelle, die Charlotte Morath bis 1972 weiterführte. Nach Auflösung der Zweigstelle war sie noch zwölf Jahre an der Hauptpost in Waldshut als Zustellerin beschäftigt. Da sie selbst keine Familie hatte, lag ihr das Messneramt in ihrer Pfarrgemeinde immer besonders am Herzen. Das Amt versorgte sie bis zum seinem Tod gemeinsam mit ihrem Bruder Josef. Später wurde sie von ihrer Nichte unterstützt.

Manfred Dinort

Bildtext:
Charlotte Morath, langjährige Messnerin der Pfarrgemeinde Waldkirch, bei ihrem 80. Geburtstag.