im Alb Bote vom 30.4.2008

Irdisches Abbild des Himmels

Führung zur kunsthistorischen Bedeutung der St. Marienkirche Waldkirch

 

Kirche in Waldkirch bei WaldshutEin großes Publikum konnte Oberstudienrat Wolfgang Wolpert bei der Kirchenführung in der St. Marienkirche Waldkirch um sich scharen. Dabei erwies er sich als exzellenter Kenner der Kultur- und Kirchengeschichte. Zudem verstand er es, seinen Vortrag mit einer Reihe von Anekdoten und Legenden aufzulockern. "Wer genau hinschaut, kann feststellen, dass hier die gesamte Kirchengeschichte in Form von Bildern, Symbolen und Skulpturen wiedergegeben ist", so Wolpert.
"Lasst uns also ans Werk gehen und in der Universität Waldkirch Theologie studieren." Der Grundstein für die heutige Pfarrkirche, die im Stil des südwestdeutschen Barocks erbaut ist, wurde am 20. Mai 1758 gelegt. Wie bei allen Kirchen jener Zeit diente die prächtige Ausstattung dem Ziel, ein irdisches Abbild des Himmels zu schaffen und den Gläubigen über die Wahrnehmung der Sinne den Zugang zu den christlichen Grundwerten zu öffnen. Zudem hatte der reiche Figuren- und Bilderschmuck die Funktion, dem ungebildeten Laien das Verständnis des Evangeliums zu erleichtern.
Waldkirch wurde erstmals 858, im Zusammenhang mit dem Benediktinerkloster Rheinau, urkundlich erwähnt. Wie alt die Pfarrei wirklich ist, darüber gab es bisher nur Spekulation. Man weiß nur, dass aus der "Kirche auf dem Wald", erst "Waldkircha" und später Waldkirch wurde. Des Weiteren wird angenommen, dass die Gründung der Pfarrei auf den heiligen Fridolin (6./7. Jahrhundert) zurückgeht, der an der Christianisierung der Alemannen am Hochrhein und in der Ostschweiz einen maßgeblichen Anteil hatte. An diese Zeit der Missionierung erinnert ein Bild am Hochaltar, das den heiligen Fridolin im Mönchsgewand darstellt, wie er dem versammelten Volke in einer vom Rheinstrom durchzogenen Landschaft predigt.
Bemerkenswert ist auch die Darstellung mehrerer Männer im Vordergrund des Bildes, die in der Tracht der Südschwarzwälder gemalt sind. Das Bild stammt vom Freiburger Kunstmaler Dominik Weber. Die Deckengemälde wurden vom Waldshuter Künstler Gotthardt Hilsinger geschaffen, der in Waldkirch den ersten Großauftrag zur selbständigen Ausmalung einer Kirche erhielt. Die Altarbilder der beiden Seitenaltäre stammen von dem Säckinger Maler Joachim Pfister, der am 31. Januar 1767 mit 55 Gulden für das Malen der beiden Altarbilder entlohnt wurde. Von besonderem Rang ist das Holzrelief im Sockel des Zelebrationsaltares mit der "Darstellung Jesu im Tempel", das zwar von einem unbekannten Künstler stammt, aber offensichtlich nach einer Vorlage Albrecht Dürers angefertigt wurde.
Die "Darstellung Jesu im Tempel" ist auch das Motiv des zentralen Gemäldes im Hauptaltar. "Es ist nicht immer leicht, die Bilder richtig zu lesen und den Inhalt korrekt einzuordnen", stellte Wolfgang Wolpert fest. Die Balustrade der Empore ist mit Bildern geschmückt, die allesamt älteren Ursprungs sind als die Kirche. Ein ein-drucksvolles Ensemble bilden die drei Altäre und die kunstvoll gestaltete Kanzel, die aus der Werkstatt des Birkendorfer Bildhauers Florenz Pflüger stammt. Von besonderem Rang ist auch das spätgotische Chorkreuz, das vor seiner Wiederentdeckung seinen Platz in der Waldkircher Kapelle hatte. Bemerkenswert ist auch die neu restaurierte Orgel, die vom Landesdenkmalamt als "Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung" eingestuft wurde.

Doppeljubiläum

Kirchenführung in WaldkirchZwei Jahreszahlen werden im Zusammenhang mit dem 1150-jährigen Jubiläum der Ortschaft und der Pfarrei Waldkirch immer wieder genannt: Das Jahr 858, in welchem die Ortschaft "Waldkircha" erstmals urkundlich erwähnt wurde und das Jahr 1758, in welchem die heutige Kirche fertig gestellt wurde. Deren Vorgängerin, eine gotische Kirche, war gegen Ende des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) von den Schweden niedergebrannt worden. Die Zahlen 858 und 1758 wurden auch im Innern der Kirche an der Decke verewigt..

Manfred Dinort

Bildtext oben:

Die St. Marienkirche Waldkirch stand im Mittelpunkt einer Führung mit Oberstudienrat Wolfgang Wolpert.

Bildtext unten:

Ein aufmerksames und interessiertes Publikum versammelte sich bei der Kirchenführung in Waldkirch.