im Südkurier vom 19.3.2008

Ältestes Kunstwerk der Pfarrgemeinde

Das Chorkreuz in der Pfarrkirche Waldkirch gilt als kunsthistorische Kostbarkeit - Originalschnitzwerk von seltener Perfektion

 

Chorkreuz in der Pfarrkirche WaldkirchIn diesem Jahr feiern Ortschaft und Pfarrei Waldkirch ihr 1150-jähriges Bestehen. In einer Artikelreihe stellen wir die Historie der Ortschaft und der Pfarrei, lokale Besonderheiten und Persönlichkeiten vor.

Heute geht es um eine kunsthistorische Kostbarkeit, das große Kreuz im Chorbogen, das nahezu 500 Jahre alt sein dürfte und zuvor in der Waldkircher Kapelle seinen Platz hatte. Bei den letzten Restaurationsarbeiten wurden die Fachleute auf das spätgotische Kreuz aufmerksam, das, nach gründlichen Untersuchungen, als kunsthistorisch bedeutsam eingestuft wurde. Nach mühsamer Kleinarbeit in der Restaurationswerkstatt kam unter den verschiedenen Farbschichten, die millimeterweise mit dem Skalpell abgetragen werden mussten, der ursprüngliche Corpus zum Vorschein. Dabei bahnte sich ein kleine Sensation an: Bei dem Kreuz handelte es sich um ein spätgotisches Originalschnitzwerk von seltener Perfektion und hoher künstlerischer Qualität. Pater Hermann-Josef Zoche geriet regelrecht ins Schwärmen, als er am ersten Fastensonntag 2002 der Gemeinde das frei im Chorbogen schwebende Kreuz vorstellte.

Wie durch ein Wunder, so der Pater, sei die gotische Fassung erhalten geblieben und nur an wenigen Stellen seien Retuschen erforderlich gewesen. Auf dem abgeflachten Hinterkopf kam wieder eine vergoldete Scheibe als Heiligenschein und die im Haupt vorgefundenen Löcher erhielten die für die Spätgotik typischen drei goldenen Strahlen, die der Restaurator aus Lindenholz nachschnitzte. Bei dem Kreuz, so das Urteil der Fachleute, dürfte es sich um das älteste Kunstwerk der Pfarrgemeinde handeln, "ein Werk von ergreifender Schönheit und Schlichtheit".

Im Dunkeln bleibe aber weiterhin, woher der Corpus stamme und auf welche Weise er den 30-jährigen Krieg und den Abbrand des Dorfes im Jahre 1634 überstanden habe.

Man könne aber, so der Pater, mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass es damals als "Chorkreuz" verwendet wurde, also bereits früher seinen Platz im Chorbogen der Pfarrkirche hatte, zumal noch bis zur letzten Renovierung ein Befestigungshaken an dieser Stelle vorhanden war. Mit dem Kreuz an dieser Stelle werde auch symbolhaft die theologische Aussage der Kirchenarchitektur unterstrichen, wonach das Kreuz seinen Platz "im Schnittpunkt zwischen Mensch und Mysterium" einzunehmen hat.

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Manfred Dinort

Bildtext:
Das Chorkreuz in Waldkirch, ein Werk von ergreifender Schönheit und Schlichtheit. Als typische Merkmale der spätgotischen Sakralkunst gelten die vergoldeten Strahlen und der Heiligenschein am Kopf, Teile, die vom Restaurator aus Lindenholz nachgeschnitzt wurden

Kostbarkeiten

Waldkirch WappenObwohl die Pfarrkirche St. Marien in Waldkirch in ihrer jetzigen Form vor erst 250 Jahren errichtet wurde, ent- hält sie kunsthistorische Kostbarkeiten, die älter sind. Neben dem nahezu 500 Jahre alten spätgotischen Chorkreuz gehören dazu das Holzrelief aus der Zeit Albrecht Dürers und eine kostbare Monstranz, die von Pfarrer Johann Heinrich Sutter aus Baden, Kanton Aargau, 1699 gestiftet wurde und die vermutlich aus der Werkstatt des Tiengener Goldschmieds Hans Walter stammt.