im Alb Bote vom 9.2.2008

Dürer-Holzschnitt als Vorlage für Altar-Relief

Pfarrkirche Waldkirch birgt besonderes Kunstwerk - Unbekannter Künstler setzte eigene Akzente - Entstehung um 1580

Dürer-Holzschnitt als Vorlage für Altar-ReliefIn diesem Jahr feiern Ortschaft und Pfarrei Waldkirch ihr 1150-jähriges Bestehen. In einer Artikelreihe stellen wir die Historie der Ortschaft und der Pfarrei, lokale Besonderheiten und Persönlichkeiten vor. Heute geht es um das kunsthistorisch bedeutsame Holzrelief im Sockel des Zelebrationsaltares der Pfarrkirche.

Das Kunstwerk zeigt die "Darstellung Jesu im Tempel". Dem unbekannten Künstler diente ein Holzschnitt Albrecht Dürers aus dem Jahre 1503 als Vorlage. Dabei hat der Künstler nicht einfach eine Kopie angefertigt, sondern ganz eigene Akzente gesetzt. Pater Hermann-Josef Zoche, der vor zwei Jahren ein eigenes Buch zu diesem Thema verfasst hat ("Die sakralen Schnitzwerke von Waldkirch", 2006): "An diesem Bild ist nichts, was dem Zufall überlassen ist; alles hat eine theologisch begründete Aussage, sowohl die Anordnung der Personen, die Perspektive sowie die Gliederung und Gestaltung des Tempelraumes und seiner einzigartigen Symbolik."

Im Mittelpunkt der Tempelszene begegnen sich vier Menschen: Links, Maria und Josef vor dem Opferaltar, reich gekleidet, als Vertreter des Neuen Testamentes, rechts die Repräsentanten des Alten Testamentes, die Prophetin Hanna mit dem greisen Simeon. Beide Gruppen sind durch eine Linie voneinander getrennt. Simeon hält in seinen Armen das Jesuskind, das Opfersymbol des Neuen Bundes. Eine Magd hält ein Gitterkästchen mit Tauben, die Opfertiere des alten Bundes. Die Prophetin Hanna, ebenfalls im üppigen Gewand, erhebt zur Bekräftigung ihrer Worte die rechte Hand. Hinter dem Tisch hält Simeon mit verklärtem Blick das Knäblein schützend in seinem Arm. Links, hinter der Säule, steht ein Jude. Sein Gesicht verdeckt, um deutlich zu machen, dass er Jesus, den Sohn Gottes, nicht erkennt. Genau über dem kleinen Jesuskind aber schwebt das schwere Gebälk in Form eines Kreuzes. Auch Zahlen- und Raumsymbolik spielt in dem Bild eine besondere Rolle. Durch die Säulen und die Zahl der Personen werden die heiligen Zahlen Drei, Sieben und Zwölf aufgegriffen. Auf der rechten Bildhälfte ist die Vergangenheit dargestellt, auf der linken Seite die Zukunft.

Im Hintergrund, zwischen Maria und Josef, hat sich vermutlich der Künstler selbst verewigt.

Das Relief wurde wohl um 1580 aus Lindenholz gefertigt und hat fast quadratische Maße. Das Bildmotiv fußt auf das Evangelium des hl. Lukas, der berichtet: "Und so brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihm dem Herrn darzustellen und ein Opfer darzubringen, ein Paar Turteltauben. Und siehe, es war in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er kam in den Tempel und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, nahm er es in seine Arme". Auch der Unteralpfener Heimatforscher Jakob Ebner befasste sich bereits 1953 ausführlich mit dem Waldkircher Relief. Das Bild hing ursprünglich an der linken Seitenwand der Pfarrkirche, bevor es, während der Fastenzeit 2002, seinen jetzigen Platz im Sockel des Altares erhielt.

Bildtext:
Das Waldkircher Holzrelief mit der "Darstellung Jesu im Tempel", das nach einer Vorlage Albrecht Dürers um 1580 von einem unbekannten Künstler geschaffen wurde.

Druckvorlagen
1503 schuf Albrecht Dürer (1471-1528) einige Holzschnitte mit Szenen aus dem Leben Marias, die er als Druckvorlage verwandte und die er dann, teils in Buchform, teils als lose Blätter, verkaufte. Diese Drucke wurden von anderen Künstlern als Vorlage für ihre Schnitzwerke verwendet. Zu vermuten ist, dass die preiswerten Drucke bald nach ihrem Erscheinen eine weite Verbreitung fanden und auch den einschlägigen Werkstätten am Hochrhein zur Verfügung standen. Auch Dürer selbst hat in seinem Werk vermutlich auf andere Vorlagen zurückgegriffen

VON MANFRED DINORT