im Alb Bote vom 20.9.2008

Zuhause in Waldkirch

Franz Schmid lebt fast 85 Jahre im Waldshuter Ortsteil

 

Franz Schmid und Schwägerin Sitta, die Seniorchefin des Gasthauses Storchen, im Ökonomiegebäude des historischen GasthausesFranz Schmid aus der Storchenfamilie in Waldkirch wird im Februar 85 Jahre alt und ist somit ältester Bürger des Ortes. Er gehört zum "Urgestein" von Waldkirch. In dem Ort, der dieses Jahr sein 1150-jähriges Jubiläum feiert, leben nur noch wenige Alteingesessene.

Der ledige Rentner wohnt in der Ortsmitte, Tannholzstraße 18, gegenüber dem Gasthaus Storchen. Zusammen mit seiner Schwägerin Sitta Schmid, der Alt-Storchenwirtin, hilft er, das Gasthaus zu bewirtschaften. Franz Schmid wurde in Waldkirch geboren und wuchs zusammen mit vier Geschwistern im Storchen auf. Sein Bruder Fritz übernahm die Gastwirtschaft, während er sich um den landwirtschaftlichen Bereich kümmerte. Ihm zur Seite stand ein Knecht, der die Pferde betreute und die Feldarbeit erledigte. Sein Vater, der auch als Metzger arbeitete, schlachtete alljährlich für den Pfarrer ein Schwein. Er selbst nahm aber nie an diesem Schlachtfest teil, "weil", wie er berichtet, "der Pfarrer eine absolute Respektsperson war, der er lieber aus dem Weg ging".

Damals gab es im Dorf noch zwei Läden, der eine im Haus der ehemaligen Schmiede, der andere im benachbarten Haus Morath. Dieser Laden trug die Aufschrift "Handlung von Bruno Grieshaber Bannholz". "Da haben wir Kinder uns immer Käpsele oder Knallkorken für unsere Pistolen gekauft. Gab es in den einen Laden keine mehr, sind wir zum andern gegangen", so Franz Schmid. Damals bot das Gasthaus auch den Wanderschäfern eine Unterkunft. "Die hatten immer großen Hunger und brauchten für sich und ihren Hund eine preiswerte Unterkunft", erinnert sich Franz Schmid. Die Schafe kamen in ein eingezäuntes Gelände bei der Pfarrscheuer, das für diesen Zweck eingerichtet war. Überhaupt war die Kirche der größte Grundbesitzer im Dorf. "Die Ländereien wurden jedoch preiswert an die Bauern verpachtet", so erzählt Franz Schmid. Aber das sei sicher auch ein Grund dafür gewesen, dass in Waldkirch keine bauliche Weiterentwicklung stattfand.

Am Sonntag kamen viele Kirchenbesucher mit dem Fahrrad, die dann in der großen Küche des Hauses Denz oder im Magazin des Storchens untergestellt wurden. Werktags fuhren viele Arbeiter mit dem Fahrrad bis zum Storchen, um hier in den Bus umzusteigen. "Wann immer es die Feldarbeit zuließ, versuchte jeder, noch etwas dazu zu verdienen", erklärt Schmid. Später machte der zunehmende Verkehr, der sich durch die enge Ortschaft quälte, den Gästen des Storchens zu schaffen. "Da beklagten sie sich dann, dass sie kaum hätten schlafen können und blieben fort", so Schmid. Erst als die neue B 500 oberhalb der Ortschaft fertiggestellt war, kehrte Ruhe ein und die Gästezahlen stiegen wieder an.

Franz Schmid ging acht Jahre beim Lehrer Zahn in die Waldkircher Volksschule, in der auch die Kinder aus Gaiß unterrichtet wurden. Die Klassen 5 bis 8 hatten vormittags Schule, die Klassen 1 bis 3 am Nachmittag. Nach der Volksschulzeit besuchte er - wie damals allgemein üblich - während des Winterhalbjahres die landwirtschaftliche Berufsschule in Waldshut. Fast 40 Jahre war Franz Schmid aktives Mitglied beim Musikverein Gaiß-Waldkirch. Das brachte Abwechslung im Alltag. Geprobt wurde im Storchensaal, wo auch zahlreiche familiäre und gesellige Veranstaltungen stattfanden. Beliebt waren vor allem die Tanzabende, die vom Musikverein ausgerichtet wurden. "Da ging es richtig rund, so dass die Decke zu vibrieren begann." Mitte der 90er Jahre gab auch der Storchen seine Landwirtschaft auf. "Danach hatten wir noch einige Jahre einen Esel, der unsere Hausmatte abweidete. Heute müssen wir die Wiese mähen lassen, " berichtet der Rentner. Trotzdem wird mit zunehmendem Alter das Leben im Dorf mühseliger: "Zu viele Treppen und zu steile Wege", meint Schmid.

Die Zukunft von Waldkirch sieht Franz Schmid eher skeptisch: "Wer will heute noch in Waldkirch wohnen?" Schon jetzt stünden mehrere Häuser leer, die Hanglage eigne sich kaum zum Bauen und die alten Bauernhäuser zu renovieren, wolle niemand mehr bezahlen.

50 Einwohner

Unter den zehn Ortsteilen der Stadt Waldshut-Tiengen bildet Waldkirch das Schlusslicht, zumindest in Bezug auf die Einwohnerzahlen. Jedoch hat der Ortsteil, der kaum noch 50 Bewohner zählt, als Zentrum einer Pfarrgemeinde einen besonderen Stellenwert. Das wurde in diesem Jahr anlässlich der Feiern zum 1150-jährigen Jubiläum besonders deutlich.

Manfred Dinort

Bildtext:
Franz Schmid und Schwägerin Sitta, die Seniorchefin des Gasthauses Storchen, im Ökonomiegebäude des historischen Gasthauses.