im Alb Bote vom 12.2.2008

Rasthaus für Wallfahrer und Reisende

Die Gastwirtschaft Storchen ist Schauplatz vieler kleiner und großer Begebenheiten in der Ortsgeschichte von Waldkirch

Der "Storchen" früher: eine Postkarte aus dem Jahre 1910In diesem Jahr feiern Ortschaft und Pfarrei Waldkirch ihr 1150-jähriges Jubiläum. In einer Artikelreihe stellen wir die Historie der Ortschaft und der Pfarrei, lokale Besonderheiten und Persönlichkeiten vor. Heute berichten wir über das historische Gasthaus "Storchen", das zu den markantesten Gebäuden des kleinen Waldshuter Ortsteiles zählt.

Zwei Kinder vor dem "Storchen" im Gespräch. Er: "Wie viel hast du gezählt?" Sie: "Zweiundachtzig!" Er: "Falsch! Ich hab was anderes rausgekriegt." Die Rede ist von den Fenstern des Gasthauses, das nicht nur durch seine Dimensionen, sondern auch durch die Zahl seiner Fenster beeindruckt. In einer Chronik heißt es dazu: "Tiefe gewölbte Keller befinden sich unter dem stattlichen Gebäude, das gewaltige Fundamente und ein halbes Hundert Fenster hat."

Das war gestern. Denn längst ist die Zahl der Fenster gewachsen, da das Gebäude in den Jahren 1979/80 erneut erweitert wurde. In früheren Zeiten, so berichten die Chronisten, kehrten hier die Wallfahrer ein, die betend nach St. Blasien, Todtmoos oder Richtung Lindenberg zogen. "Bescheiden löffelten sie einen Teller Mehlsuppe, aßen ein Stück Brot, bevor sie wieder weiter zogen." Von Waldshut her war der "Storchen" die erste Einkehrstation für Fuhrleute, Frachtkutscher und die Postkutsche. Lange noch hieß der Raum links vom Haupteingang das "Magazin". Was an Fracht für die Gegend bestimmt war, wurde von den Fuhrleuten hier abgeladen und zwischengelagert. In den Zeiten der Postbusse war es üblich, ein gelbes Fähnchen raus zu hängen, wenn ein Gast mitfahren wollte. Dann konnte er in Ruhe den letzten Schluck leeren, bevor die Reise weiterging.

Sitta Schmid, die Senior-Chefin des Storchen, erinnert sich: "Manchmal haben wir vergessen, die Fahne wieder reinzunehmen, und dann gab es jedes Mal gewaltigen Ärger mit dem Chauffeur." Einmal war eine Nichte zu Besuch im "Storchen" und reklamierte: "Ihr meinet wohl, Ihr seid ebbis Besonderes. Die Kuchekammer heißt bei Euch Speisekammer, die Rumpelkammer isch's Magazin und die Kammer isch bei Euch 's Schlafzimmer."

An den Sonn- und Feiertagen war im Storchen immer viel los. Sitta Schmid erzählt: "Dann kamen die Leute aus dem ganzen Kirchspiel zu Fuß nach Waldkirch und viele waren schon in aller Frühe auf den Beinen." Die meisten kehrten schon vor dem Gottesdienst im Gasthaus ein, um sich etwas aufzuwärmen und sich zu stärken. Am Nachmittag kamen dann die Waldshuter, die ihren Sonntagsspaziergang machten, um hier eine warme Suppe zu essen.

Dazu gab es Hefezopf, Kaffee und frische Milch. "Oft kam es dann vor, dass wir unsere Magd mehrmals zum Melken in den Stall schicken mussten." Einmal, als sie zum vierten Mal in den Stall gehen musste, sei die Magd ganz erbost zurückgekehrt: "Das war heut' aber das letzte Mal! Ka' mir ebbert verrate, womit i heut' Abend die Kälber und Ferkel füttere soll? Ihr könnt mich jetzt mal!" Schlug damit die Türe zu und ließ sich den ganzen Abend nicht mehr blicken.

Bildtext :
Der "Storchen" früher: eine Postkarte aus dem Jahre 1910.

Der Storchen

In der Zeit der Salpetererunruhen waren Waldkirch und auch der "Storchen" immer wieder Schauplatz heftiger Zusammenstöße zwischen den "Ruhigen" und den "Unruhigen". 1729 gab es einen Storchenwirt, Adam Schmidlin, der Vogt und Einungsmeister war und zeitweilig auch das Amt des Redmanns innehatte. 1796 zündeten die Franzosen den "Storchen" mitsamt Nebengebäuden an. Über Jahrhunderte war die Führung des Gasthauses mit dem Messnerdienst in der Pfarrkirche gekoppelt. Als Ausgleich für seine Tätigkeit wurden dem Messner kirchliche Güter zur Nutzung überlassen. Im Nebenzimmer des Gasthauses hängt ein Stammbaum, der auf die lange Tradition der jetzigen Wirtsfamilie hinweist, der Familie Schmid. Diesem Namen begegnen wir erstmals im Jahre 1866, als ein Alois Schmid aus Birndorf den "Storchen" kaufte. 1877 erwarb Franz Xaver Schmid aus Bannholz das Wirtshaus für seinen Sohn Lukas. 1963 ging der Betrieb an die Brüder Franz und Friedrich Schmid über. Heute wird das Gasthaus von Wilfried Schmid geleitet, der mit dem Anbau einer Freiterrasse einen neuen Akzent setzte.

VON MANFRED DINORT