im Alb Bote vom 5.9.2008

Denkwürdige Begegnung mit angesehenem Kirchenmann

Paula Zwernemann erinnert sich an ehemaligen Straßburger Erzbischof Jean Julien Weber – Hilfe für die Menschen am Hochrhein

 

Paula ZwernemannIm Zusammenhang mit dem Waldkircher Jubiläumsjahr erinnert Paula Zwernemann aus Oberalpfen an den ehemaligen Erzbischof von Straßburg, Jean Julien Weber, dessen Vorfahren im Kirchspiel Waldkirch zu Hause waren, und an ihre denkwürdige Begegnung mit dem angesehenen Kirchenmann, der am Ende des Zweiten Weltkrieges die Menschen am Hochrhein vor einem schweren Schicksal bewahrte.

Ihre persönliche Begegnung mit Jean Julien Weber fand im Sommer 1959 statt, als der Erzbischof die katholischen Studenten und Studentinnen aus Freiburg zu einem Treffen einlud, das auf dem Odilienberg in den Vogesen stattfand. Als sie selbst an die Reihe kam, sich vorzustellen, und dabei ihren Mädchennamen Tröndle nannte, horchte der Bischof auf und fragte nach. Und als sie dann von ihrem Geburtsort Gaiß und der Pfarrei Waldkirch erzählte, habe der Bischof seine vornehme Zurückhaltung aufgegeben und seinerseits davon erzählt, dass seine Großmutter, die er sehr verehrt habe, eine geborene Tröndle gewesen sei, dass sein Urgroßvater aus Schmitzingen stamme und dass dessen Vorfahren in Gaiß zu Hause gewesen seien. Um mehr über seine Wurzeln zu erfahren, sei er selbst für einige Tage in die Heimat seiner Vorfahren gereist, wobei er auf Verwandte gestoßen sei und interessante Gespräche habe führen können.

All das habe ihn dazu bewogen, nach dem Zweiten Weltkrieg etwas Gutes und Wichtiges für die Heimat seiner Vorfahren zu tun: Auf seine Initiative hin wurde die bereits von der französischen Besatzung beschlossene Evakuierung einer Fünf-Kilometer-Zone entlang des Hochrheins, zu der auch die Orte Gaiß und Schmitzingen zählten, zurückgenommen. Der damalige Beschluss der französischen Besatzer, alle Orte räumen zu lassen, hatte in der Bevölkerung blankes Entsetzen ausgelöst. "Ich war damals acht Jahre alt und ich erinnere mich lebhaft an die Verzweiflung meiner Mutter", so berichtet Paula Zwernemann. "Wir Kinder standen ratlos daneben und weinten, als der bereitgestellte Heuwagen beladen wurde." Es gab strenge Anweisungen, was alles mitgenommen werden durfte, dass der Wagen von zwei Kühen gezogen werden durfte und alles andere zurückgelassen werden musste. Aber wo sollten wir hin? Dann kam plötzlich die erlösende Nachricht, dass der Evakuierungsbefehl gestoppt worden sei. Was war geschehen? Der Waldshuter Bürgermeister Dietsche und Landrat Ernst hatten sich in ihrer Not an den Erzbischof Conrad Gröber in Freiburg gewandt. Vikar Kaltenbach wurde mit dem Motorrad auf den Weg geschickt, um dem Freiburger Erzbischof eine Bittschrift zu überbringen.

Über Umwege gelang es dem Vikar, der sich im Priesterrock auf den Weg gemacht hatte, alle Sperren zu passieren und das Ziel zu erreichen. Erzbischof Gröber wandte sich unverzüglich an seinen Straßburger Amtskollegen Weber. Und auch der handelte sofort. Es ist nicht sicher, so Paula Zwernemann, auf welchem Wege es dem Bischof schließlich gelang, die Heimat seiner Vorfahren aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Die einen behaupten, der Bischof habe persönlich im Hauptquartier der Alliierten bei Eisenhower vorgesprochen, andere berichten, er habe sich an den apostolischen Nuntius in Frankreich, Roncalli, gewandt, den späteren Papst Johannes XXIII.
Tatsache ist, dass die Bewohner des Hochrheins durch sein Eingreifen vor einem schweren Schicksal bewahrt wurden.


Paula Zwernemann

Nach dem Examen an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg war Pau la Zwernemann beim Jugendamt Bitburg/ Eifel und im Jugendamt des ehemaligen Landkreises Säckingen als Diplom-Sozialarbeiterin tätig. Nach einer Familienpause übernahm sie die Adoptionsvermittlungsstelle im Landkreis Waldshut. Hierbei baute sie den Pflegekinderdienst als Fachdienst und das Programm "Mutter und Kind" auf. Beides leitete sie bis zur Pensionierung 2001. Seitdem ist sie als Referentin für das Pflegekinderwesen bundesweit tätig. Einen großen Teil ihrer Zeit widmet sie ihren Publikationen in der Fachpresse und der ehrenamtlichen Hilfe für Pflegeeltern und Pflegekinder.

Manfred Dinort

Bildtext :
Paula Zwernemann.