im Alb Bote vom 19.9.2008

Von Anfang an war der Wurm drin

1760 stürzte der Turm der neu erbauten Waldkircher Pfarrkirche ein

 

Die Pfarrkirche von Waldkirch bei WaldshutWie konnte das passieren? Am 20. Mai 1758 wurde der Grundstein für die jetzige Pfarrkirche gelegt. Kaum zwei Jahre später, am 10. März 1760, stürzte der neue Turm vollständig in sich zusammen und hinterließ dabei auch zahlreiche Schäden an der Kirche. Jakob Ebner versucht in seiner "Geschichte der Ortschaften der Pfarrei Waldkirch", den Ursachen und den Umständen dieser Katastrophe auf den Grund zu gehen. Zuvor wurde die alte Kirche, vermutlich ein gotischer Bau, restlos abgerissen. Die feierliche Grundsteinlegung wurde vom bischöflichen Kommissar Joseph Frey vorgenommen. Mit dabei waren der Waldkircher Pfarrer, Nikolaus Soder und sein Vikar, Fridolin Waldmayer.

Aus der Pfarrei und der Nachbarschaft waren die Menschen scharenweise gekommen, um dem Festakt beizuwohnen. Es muss ein schöner Tag gewesen sein. Jakob Ebner: "Die Märzensonne spiegelte sich in den buntfarbenen Trachten. Am Waldrand blühten schon die blauen Leberblümchen und die weißlichen Geißblümlein und auf den Matten zeigten sich die ersten Schlüsselblumen. Die angekommenen Stare plauderten und zwitscherten zum Feste, und die Amsel im Busch versuchte nach dem langen Winter ihr herzerquickendes Lied." Dann der Satz: "Im Ländchen war Ruhe." Diese Bemerkung Ebners bezog sich wohl auf die Salpetererunruhen, die erst wenige Jahre zuvor durch das rigorose Eingreifen der österreichischen Regierung beendet worden waren.

Bauherrin der Kirche war das Säckinger Stift, das zu jener Zeit das Patronat über die Pfarrei Waldkirch ausübte. Mit Andreas Beck bestellte das Damenstift auch den Baumeister. Zur Beschaffung des nötigen Bauholzes wurde der prächtige, vier Morgen große Pfarrwald auf der Remetschwieler Gemarkung vollständig abgeholzt. Die Pfarrkinder leisteten insgesamt 1200 Fuhren und 1000 Handlangertage. Doch von Anfang an war der Wurm drin. "Die Bauaufsicht war sehr lässig und es sei schlecht gemauert worden", vermerkt Jakob Ebner. Hier und da hörte man Stimmen, dieser Bau werde nicht lang halten. Und wirklich: Im Frühjahr 1760 zeigte der Turm schon ganz bedenkliche Schäden und am 10.März stürzte der Kirchturm "vollständig zu Boden". Von überall kamen Neugierige, um das Unglück zu begutachten und "es hagelte saftige Ausdrücke über die Bauleute". Und als auch die Fürst-Äbtissin von Säckingen herbeigeeilt war, konnte sie mit eigenen Augen sehen, dass nicht einmal alle Gräber und Särge unter den neuen Fundamenten weggeräumt waren. Eine unglaubliche Leichtfertigkeit!

Pfarrer Soder entschuldigte sich, er sei schon beim Akkord nicht gehört worden, und zudem sei er zu Beginn der Bauarbeiten einige Wochen bettlägerig gewesen. Was der Baumeister dazu zu sagen hatte, ist in der Chronik nicht vermerkt. Das Jammern half nichts, es mussten neue Fundamente angelegt und ein neuer Turm gebaut werden. Ein weiterer Baumeister, der zu Rate gezogen wurde, wies auch auf das Wasser hin, das von der Straße auf die Fundamente drücke.

Die Äbtissin kam ein zweites Mal nach Waldkirch, um mit den einbestellten Fachleuten eine Lösung zu suchen. Dabei wurde auch die grundsätzliche Frage erörtert, ob der Kirchenbau insgesamt von Dauer sein werde. Die Sachverständigen urteilten, dass die Kirche lange stehen könne, wenn man das Wasser fachgerecht ableite.

Durch das Unglück belehrt, rückte man jetzt den Schäden gründlich und mit Erfolg zu Leibe: Bis heute, 250 Jahre danach, sind der trutzige Turm und das schlanke Kirchenschiff stabil geblieben und kaum jemand ist sich dessen bewusst, unter welch ungünstigen Vorzeichen mit dem Bau der Pfarrkirche begonnen wurde.

Pfarrkirche

Waldkirch feiert in diesem Jahr nicht nur das 1150-jährige Jubiläum der Ortschaft und der Pfarrei, sondern auch das 250-jährige Jubiläum der Pfarrkirche. Dabei stand der Beginn der Bauarbeiten unter einem denkbar schlechten Vorzeichen: Kaum zwei Jahre nach der Grundsteinlegung stürzte der Turm in sich zusammen und fügte dabei auch der Kirche und dem Chorbogen erhebliche Schäden zu. Mangelnde Bauaufsicht und unglaubliche Leichtfertigkeit waren die Ursachen.

Manfred Dinort

Bildtext:
Ein schrecklicher Tag in der Waldkircher Vergangenheit: Am 10. März 1760 stürzte der neu erbaute Turm in sich zusammen und beschädigte dabei das Kirchenschiff und den Chorbogen.
Bild: Dinort